Warum bin ich so infektanfällig, wenn ich Kortison nehme?

Was ist Kortison? I Wie funktioniert Immunsuppression? I Welche Nebenwirkungen gibt es noch? I Was bei Infekten hilft I Quellen

In der Softwareentwicklung gibt es das Sprichwort: „It’s not a bug, it’s a feature“. Will sagen: Was dem Nutzer einer Software wie ein Fehler vorkommt, ist vom Programmierer so beabsichtigt. (Ich denke da z.B. an die Autokorrekturfunktion von Word <grrrrr>.)

Dasselbe Phänomen gibt es bei Kortison in Bezug auf die Infektabwehr: Mich nervt, dass ich bei längerer Einnahme von Kortisonspray – so ungefähr nach 10 Tagen – stark zu Hals-, Mittelohr- und Blasenentzündungen neige. (Eine Pilzinfektion im Mund ist mir <toitoitoi> zum Glück bisher erspart geblieben.) Doch die Abschwächung der Immunabwehr ist als „Immunsuppression“ oft auch eine gewünschte Wirkung von Kortikoiden. Doch mal von vorne …

Was ist Kortison?

Was umgangssprachlich oft als „Kortison“ bezeichnet wird, umfasst eigentlich die Gruppe der Glucocorticoide: Hormone, die der Körper in der Nebennierenrinde herstellt. Zu dieser Gruppe zählt Cortisol (auch „Hydrocortison“ oder kurz „Kortison“ genannt), das beim Menschen 95% der Glucocorticoide ausmacht, und Corticosteron (5%). Außerdem gibt es künstliche Corticoide, die ähnlich wirken wie die körpereigenen Glukokortikoide.

Der Name „Glucocorticoide“ bezieht sich auf ihre Rolle im Glucose-Stoffwechsel. Denn eine vorrangige Funktion dieser Hormone ist es, den Abbau von gespeichertem Eiweiß zu Glucose anzuregen: um morgens „auf Trab“ zu kommen bzw. um in Stress-Situationen genug Energie für die Flucht zu haben. Vermutlich auch, um in Hungerperioden zu überleben.

Glukokortikoide haben im Körper aber noch viele weitere Funktionen: Sie beeinflussen (nicht nur den Zucker-)Stoffwechsel, den Wasser- und Elektrolythaushalt, das Herz-Kreislaufsystem und das Nervensystem. Außerdem wirken sie entzündungshemmend und unterdrücken die Immunabwehr.

Die beiden letzteren Wirkungen sind es vor allem, die den Einsatz von Glucocorticoiden als Medikamente begründen: Sie werden als Entzündungshemmer bei Asthma, Neurodermitis, Morbus Crohn etc. eingesetzt. Und die Unterdrückung der Immunabwehr wird gezielt genutzt, um überschießende Immunreaktionen z.B. bei Autoimmunerkrankungen (Rheuma, MS, Psoriasis …) und Allergien (allergisches Asthma) zu bekämpfen sowie um Abstoßungsreaktionen nach einer Organtransplantation zu unterdrücken.

Wie funktioniert die Immunsuppression durch Corticoide?

Am Beispiel des Corticoids Prednisolon wird das auf der Seite Dr. Gumpert Medikamente so erklärt:

„Im lymphatischen Gewebe steigt unter Prednisolon-Gabe insgesamt die Anzahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), wobei die Menge der Untergruppen der eosinophilen Granulozyten sowie der Lymphozyten abnimmt. Auch das lymphatische Gewebe als solches, in welchem die Vermehrung und Differenzierung der Abwehrzellen des Körpers (T-, B-Lymphozyten = Immunsystem) stattfindet, wird vermindert und die Aktivität der Lymphozyten gehemmt.“

Die Hauptaufgabe der Lymphozyten aber ist „die Erkennung von Fremdstoffen – wie zum Beispiel Bakterien und Viren – und deren Entfernung mit immunologischen Methoden“ (Wikipedia: Lymphozyt).

Die Verminderung der Zahl der Lymphozyten und die Hemmung ihrer Aktivität hat also zur Folge „eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Infekten, da die Abwehr eingeschränkt ist und das Immunsystem durch Prednisolon [und andere Corticoide, Anm.d.Red.] unterdrückt wird.“ (Dr. Gumpert Medikamente, s.o.).

Voilà: da ist die lästige Hals-/Ohr-/Blasenentzündung, mit der der Körper normalerweise problemlos klar gekommen wäre.

Welche (Neben-)Wirkungen haben Glucocorticoide sonst noch?

In geringen Dosierungen, zu denen man sicherlich auch die lokale Anwendung von Kortisonsprays zählen muss, sind die Nebenwirkungen von Kortikoiden wohl eher lästig als bedrohlich (auch wenn es die Lebensqualität ganz schön einschränken kann, regelmäßig mit Infekten kämpfen zu müssen – seien sie auch noch so banal).

Auch in hohen Dosen über einen kurzen Zeitraum (Stichwort Stoßtherapie) gilt Kortison als relativ unbedenklich.

Ist man aber auf höheren Dosen Glococorticoide über einen längeren Zeitraum angewiesen – z.B. in Form von Tabletten, die dauerhaft eingenommen werden -, gibt es verschiedene Nebenwirkungen, die sich mehr oder weniger direkt aus der Wirkungsweise dieses Steroidhormons ergeben, wie recht anschaulich im Artikel Cortison: Pro und Contra dargestellt wird:

Eiweißabbau -> Osteoporose, Muskelabbau Wachstumsstörungen
Cortison bewirkt, dass Eiweiß vermehrt zu Glucose abgebaut wird. Dadurch werden Muskeln und Skelett in ihrem Aufbau gehemmt. Letzteres erklärt u.a. den Muskelabbau, die osteoporotische Wirkung von Cortison bei Erwachsenen und die wachstumshemmende Wirkung (auch über Beeinflussung des Wachstumshormons) bei Kindern.

Zuckerneubildung -> Diabetes
Cortison regt die Zuckerneubildung aus Aminosäuren an, der Zuckerumsatz wird insgesamt gesteigert, die Glukosetoleranz und die Insulinempfindlichkeit nehmen ab. Dies erklärt die Nebenwirkung der Auslösung oder Verstärkung eines Diabetes mellitus durch langandauernde, hochdosierte Cortisongaben.

Veränderung des Fettstoffwechsels -> „Stammfettsucht“
Der Fettstoffwechsel wird ausserdem beeinflusst. Der vermehrt gebildete Zucker wird teilweise in Fett umgewandelt, die Fettwerte im Blut können dadurch ansteigen, das Fettgewebe wird vermehrt, besonders in der Leber sowie am Rumpf und im Gesicht, was die Nebenwirkungen ,,Stammfettsucht“ und ,,Vollmondgesicht“ bei langer, hochdosierter Corticoidgabe erklärt.

Veränderungen bei der Mineralstoffaufnahme
Glucocorticoide bewirken, dass Kalium und Kalzium vermehrt ausgeschieden und Natrium im Körper zurückgehalten wird. Zusätzlich wird die Aufnahme von Kalzium über Darm und Niere gehemmt, so dass eine KaIziummangel entstehen kann.

Schlechte Wundheilung
Das Wachstum von Fibroblasten sowie die Kollagensynthese werden gehemmt, wodurch die Funktion des Bindegewebes und die Wundheilung beeinträchtigt werden.

Im Artikel bei Dr. Gumpert Medikamente (s.o.) wird außerdem angeführt:

Zum Thema Wundheilung:
„Durch die von Prednisolon initiierte Hemmung der Entzündung, Exsudation (Flüssigkeitsabsonderung bei Entzündungsprozessen) sowie Proliferation (Zellvermehrung) entsteht eine entzündungshemmende (antiphlogistische) Wirkung in Verbindung mit verzögerter Wundheilung und vermehrter Ulkusbildung (Ulkus = tiefliegender Substanzdefekt der Haut oder Schleimhaut).“
(Man sollte sich deshalb gut überlegen, ob man z.B. Kortison-Nasenspray weiter benutzt, wenn man wunde Stellen an der Nase hat.)

Zu erhöhter Thrombosegefahr
Corticoide regen die vermehrte Bildung von roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und von  Blutplättchen (Thrombozyten) an, die zuständig für die Gerinnung sind. Gleichzeitig werden auch gerinnungsfördernde Stoffe, die Antithrombine, verringert. Dadurch ergibt sich ein erhöhtes Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln in den Gefäßen (Thrombose).

Was mir bei Infekten hilft

Was also tun? Erstens: dafür sorgen, dass der eigene Bedarf an Kortikoiden so gering wie möglich ist 🙂 Z.B. durch genug Schlaf, Entspannungstechniken, bei Samter-Betroffenen durch salicylarme Ernährung

Wenn dann doch Kortikoide nötig sind und sich nach einiger Zeit die lästigen Entzündungen einstellen:

Schnell reagieren!
Nicht gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange abwarten, bis der Infekt voll zuschlägt, sondern möglichst schnell Gegenmaßnahmen ergreifen. Meiner Erfahrung nach lassen sich Infekte wie Hals-, Ohren- oder Blasenentzündung dann in den Griff kriegen, noch bevor sie zu voller Blüte bekommen sind:

Beim ersten Anzeichen einer Halsentzündung: mit Salzwasser gurgeln (1/2 Tl. Salz auf ein kleines Glas warmes Wasser), mehrmals am Tag, bis die Entzündung weg ist.
Ist die Halsentzündung schon weiter fortgeschritten helfen mir Zitronenwickel sehr gut (wird z.B. hier beschrieben: http://www.doc-uni.at/html/zitronenwickel.html ) .

Bei Ohrenentzündung haben sich bei mir Zwiebelsäckchen sehr bewährt.

Bei den ersten Anzeichen einer Blasenentzündung: für warme Füße sorgen (!), auch die Blase warm halten und trinken, trinken, trinken! Ich trinke Wasser, gerne auch warm, z.B. mit einem Schuss Ahornsirup, oder als Karamelltee (weil fast alle „normalen“ Tees sehr salicylsäurehaltig sind; nur Kamille hat relativ wenig Salicylsäure und wäre vermutlich als schwacher Kamillentee OK – aber den mag ich mal so gar nicht …).

VORSICHT auch bei manchen Hausmitteln wie Heidelbeer- oder Preisselbeersaft, die beide einen sehr hohen Salicylsäuregehalt haben (weshalb sie vermutlich auch bei Blasenentzündung so gut helfen, sofern man keine Salicylsäure-Unverträglichkeit hat). Leute mit Salicylsäure-Unverträglichkeit müssen dann abwägen zwischen den „Nebenwirkungen“ solcher Säfte und denen von Antibiotika (und dem sich – vor allem bei Frauen – gerne an eine Antibiotikagabe anschließenden Pilzinfekt).

Quellen und zum Weiterlesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Glucocorticoid

http://de.wikipedia.org/wiki/Cortisol

http://www.medicoconsult.de/wiki/Glukokortikoide

http://www.arzneistoffe.net/Wirkungsmechanismus%20der%20Glucocorticoide.html

http://www.nhp-meier.de/Aktuelles/Cortison-_Pro_und_Contra/cortison-_pro_und_contra.html

http://www.dr-gumpert.de/html/prednisolon.html

http://www.apotheken-umschau.de/Medikamente/Kortison–so-schlecht-wie-sein-Ruf-256959.html

http://www.aktiv-mit-ms.de/multiple-sklerose/ms-therapie/detail/artikel/kortison-multitalent-unter-den-medikamenten/

http://de.wikipedia.org/wiki/Steroidhormon

6 Gedanken zu „Warum bin ich so infektanfällig, wenn ich Kortison nehme?

  1. Hi,
    kannst du den Unterscheid zwischen Kortision Tabletten und Sprays besser differenzieren?

    Ich finde, du vermischst diese beiden Dareichungsformen und die Starke der Nebenwirkungen in diesem Artikel zu stark.

      • Hallo. Ich muss zur Zeit täglich 100mg. Cortison ausschleichend alle 5 Tage weniger mit 10mg. nehmen. Da bin ich ein paar Wochen doch ziemlich hoch therapiert, oder? Man vermutet so eine Autoimmungeschichte, weil ich seit langem unter einer unklaren Oberlidschwellung leide. Bin jetzt seit 10 Tagen dran und es macht mir langsam Angst, ob die Therapie nicht zu hart ist. 🙁 Vor allem, weil es sich ja nur um eine Vermutung handelt. .

          • Hallo Heidi,

            wenn du dir Sorgen machst, dann red doch nochmal mit deinem Arzt? Oder hol dir eine zweite Meinung ein: das finde ich immer einen ganz guten Weg, wenn man unsicher ist, ob das, was man da gerade macht, das Richtige ist.

            Gegen die Halsentzündung kannst du mit warmem Salzwasser gurgeln: einfach einen halben Teelöffel Salz in einem halben Glas warmem Wasser auflösen (so, dass es noch ziemlich salzig schmeckt) eine Weile gurgeln (ich gurgel mir immer ein Liedchen – dann ist es nicht so langweilig ;). Das Ganze über den Tag mehrmals, je nachdem, wie stark die Entzündung ist. Gegen Mittelohrentzündung helfen mir Zwiebelsäckchen immer sehr gut.

            Liebe Grüße
            Sylke

            PS: Ach: und das Kortison nicht ohne Absprache mit einem Arzt einfach absetzen, gell? Das musst du wirklich ausschleichen, weil dein Körper sonst „auf Entzug“ kommt. Aber das weisst du ja bestimmt.

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