Salicylate in der Tiermast

Mediakamente im EssenHabt ihr auch schonmal einen Asthmaanfall nach einer eigentlich salicylsäurearmen  Mahlzeit bekommen und euch gefragt, wo der nun wieder herkommt? Uwe hat in zwei Fachartikeln zum Einsatz von Salicylaten in der Tiermast eine Antwort gefunden – und die ist sehr unerfreulich. Trotzdem oder gerade deshalb Danke an Uwe für die Info und den Link zu den Artikeln.

Im Beitrag „Orale NSAIDs: Mehr als nur Verbesserung des Tierwohls“ (Großtierpraxis 13:01, 6-11, 2012) fordert die Veterinärmedizinerin Ulrike Bernemann (beratende Tierärztin für WESTFLEISCH), NSAID routinemäßig in der Behandlung von Tieren in Mastbetrieben einzusetzen. Die Vorteile eines frühzeitigen Einsatzes von NSAID (nicht-steroidale Antiphlogistika, darunter ASS und Natriumsalicylat) aus ihrer Sicht sind:

  • wenn in einer Tiergruppe, in der Einzeltiere zB. durch das sogenannte „Stallwetter“  bereits an Atemwegserkrankungen erkrankt sind, allen anderen Tieren „metaphylaktisch“ (vorbeugend) NSAID über Trinkwasser oder Futter verabreicht wird, kann wahrscheinlich der Antibiotika-Verbrauch gesenkt werden (ohne die Haltungsbedingungen der Tiere verbesern zu müssen, durch die die Erkrankungen entstehen)
  • ebenso können NSAID verwendet werden, wenn die Masttiere durch den Stress bei der „Endmast-Vorselektion“ eine „unspezifische Hustenproblematik“ entwickeln, da es beispielsweise für Natriumsalicylat keine vorgeschriebene Wartezeit zwischen Medikamentengabe an das Tier und der Schlachtung gibt
  • durch gleichzeitige Gabe von Antibiotika und NSAID können außerdem bessere Wachstumsraten trotz Erkrankung der Tiere erzielt werden, als mit alleiniger Gabe von Antibiotika
  • Natriumsalicylat ist überdies sehr leicht wasserlöslich, dh. die „orale Medizinierung ganzer Tiergruppen ist … über Wasser, Milch, Michaustauscher oder auch über das Futter problemlos möglich
  • und NSAID sind auch noch erheblich billiger als Antibiotika

Weitere Vorteile speziell von Natriumsalicylat in der Tiermast nennt B. Iben im Beitrag „Entzündungen und nichtsteroidale Antiphlogistika – Schwerpunkt Natriumsalicylat“ (Großtierpraxis 12:12, 520-527 (2011): Natriumsalicylat hat eine hohe Bioverfügbarkeit und eine schnelle Anflutung, dh. es geht schnell ins Blut über. Beides sorgt dafür, dass das Medikament sich in kurzer Zeit in den verschiedenen Geweben des Tieres verteilt.

Außerdem steigert eine gleichzeitige Zugabe von 250mg Kupfer und 750mg Natriumsalicylat pro kg Futter die Gewichtszunahme bei gleichzeitiger Senkung des Futterverbrauchs zB. bei Schweinen*.

Die Gabe von Medikamenten als Mastbeschleuniger ist seit 2006 EU-weit offiziell verboten. Die metaphylaktische, also „vorbeugende“, Gabe von Medikamenten an ganze Tiergruppen in der Massentierhaltung ist jedoch nicht verboten und muss für NSAID (anders als für Antibiotika) auch nicht gemeldet werden. Es weiß deshalb niemand genau, wieviele NSAID in Deutschland jedes Jahr verfüttert werden. Und weil es für Acetylsalicylsäure, Natriumsalicylat und viele weitere Salicylate (außer bei Truthühnern = Puten**) auch keine Rückstandshöchstgrenzen gibt, wird bei Schlachttieren auch nicht überprüft, welche Mengen dieser Stoffe im Fleisch enthalten sind. NSAID sind also für Tiermastbetriebe eine höchst attraktive Alternative zu Antibiotika, für die im Zuge zunehmender Antibiotikaresistenzen auch zunehmend restriktive Gesetze gelten.

Begrenzt werden die Gaben von NSAID wie Natriumsalicylat allein durch negative Effekte der Überdosierung bei den Tieren. Diese treten, so Bernemann, bei Kälbern ab einer Dosis von 80mg/kg Körpergewicht (KGW) pro Tag auf. Bei Schweinen dagegen „werden bis zu 5-fach Überdosierungen (=175 mg/kg KGW) ohne klinische Erscheinungen gut vertragen“. (Hier zitiert Bernemann übrigens die „Fachinformation Natriumsalicylat 100%“ des Bundesministeriums für „Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“, das entsprechend seines Auftrags fürsorglich hinzufügt, dass „Personen mit bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Natriumsalicylat oder verwandten Arzneimitteln (z.B. Acetylsalicylsäure) (…) den Kontakt mit dem Tierarzneimittel vermeiden“ sollten …)

Im ungünstigsten Falle enthält also ein Schweineschnitzel von 200g von einem Schwein, dass unmittelbar vor der Schlachtung seine letzte Dosis Natriumsalicylat erhalten hat, bis zu 35 mg Natriumsalicylat: mehr als genug für einen ordentlichen Asthmaanfall bei einem Menschen mit Salicylsäure-Unverträglichkeit (die übliche Austestung auf Salicylsäure-Unverträglichkeit beginnt mit 1 mg Salicylsäure, auf die viele Betroffene bereits reagieren).

Na dann: guten Appetit.


*Im Beitrag „Darmflora, Antibiotika und Adipositas“ zieht das Ärzteblatt eine Verbindung von Antibiotika als Mastbeschleunigern zur Fettleibigkeit durch eine veränderte Darmflora bei früher Gabe von Breitbandantibiotika.

**für Truthühne (=Puten) gilt für Muskelfleisch mit Haut eine Rückstandshöchstgrenze von 2,5mg/kg Körpergewicht

3 Gedanken zu „Salicylate in der Tiermast

  1. Ja, das erklärt einiges. Vielen Dank für diesen wie immer aufschlussreichen Beitrag. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen weiteren beruflichen Vorhaben und freue mich auf weitere Beiträge. Dein Blog hat viel zu einer Verbesserung meiner Gesundheit beigetragen .
    Herzliche Grüße
    Annette

  2. Ohweiah! Ich ahnte es, konnte es jedoch nicht wirklich glauben. Nah dem letzen Besuch beim Griechen hatte ich heftige Atemnot.

    Es ist so erbärmlich, aber im Grunde genommen fressen wir uns zu Tode….

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